Tatortbericht: Quartierchörli Bösfeld-Kapf stahl Herzen und Lachmuskeln
Jahreskonzert KRIMINELL – Ein Bericht aus dem Ermittlungsarchiv
Spurensicherung durch unsere Kulturkorrespondentin
Es war ein Abend, an dem die Unschuldsvermutung keine Chance hatte. Wer das Konzertlokal des Quartierchörli Bösfeld-Kapf betrat, trat unweigerlich in eine Falle — und zwar in die schönste, die man sich vorstellen kann. Denn das diesjährige Jahreskonzert unter dem Motto KRIMINELL war von der ersten Sekunde an ein Verbrechen mit Ansage: spektakulär inszeniert, meisterhaft ausgeführt, ohne Reue.
Der Tatort: Spurensicherung vor Konzertbeginn
Schon beim Betreten des Saals war klar: Hier haben Menschen zugeschlagen, die ihr Handwerk verstehen. Die Dekoration liess keine Frage offen, in welche Unterwelt man geraten war. Absperrband, Sprengmaterial, Fahndungsfotos, verdächtige Requisiten — alles themamässig bis ins letzte Detail ausgeschmückt. Wer genau hinschaute, entdeckte immer neue kleine Verbrechen der Kreativität: ein vergessenes Einbruchswerkzeug hier, ein gesiegelter Beweismittelbeutel dort. Die Verantwortlichen für die Dekoration hätten damit locker einen Preis in der Kategorie «organisierter Stilbruch zugunsten der Unterhaltung» verdient.
Die Tombola — schon früh ein Gesprächsthema — präsentierte sich so vielfältig wie das Strafgesetzbuch dick ist. Wer an diesem Abend leer ausging, hatte es schlicht nicht verdient.
Der Hauptverdächtige: Moderator Simon Oehen
Dann betrat Simon Oehen die Bühne — und der Abend nahm seine endgültige kriminelle Schlagseite an. Oehen, sichtlich in seinem Element, eröffnete das Verfahren mit der Eloquenz eines Staatsanwalts, der weiss, dass er gewinnen wird. Seine Sprache: ein Hochgenuss. Begriffe aus dem kriminalistischen Vokabular flossen wie selbstverständlich in seine Ansagen ein. Wer «Tatmotiv», «Indizienbeweis» und «Täterpsychologie» in einem einzigen Satz über einen Chor unterbringen kann, ohne dass es gestelzt klingt, hat entweder Jurastudium hinter sich oder ein ausgeprägtes literarisches Talent — bei Oehen dürfte es Letzteres sein. Das Publikum war von Beginn weg restlos überführt: restlos begeistert.
Das Corpus Delicti: Die Lieder
Das Quartierchörli Bösfeld-Kapf eröffnete den Abend mit «Der Pate» — schwer, majestätisch, mit einem Unterton, der keine Widerrede duldete. Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Und man lehnte es nicht ab.
Mit «Mackie Messer» folgte Brecht at his best. Der freundliche Herr mit dem Messer in der Tasche wurde mehrstimmig porträtiert, dass einem wohlig schauerte. Das Ensemble bewies: Mörderisches klingt in guten Händen erstaunlich einladend.
«Tango Korrupti» liess die Hüften schwingen und die Augenbrauen hochgehen — eine perfekte Mischung aus Eleganz und Dreistigkeit, wie es sich für einen anständigen Tango gehört. Bestechung war noch nie so rhythmisch.
Dann, der erste grosse Wechsel in Tonart und Gangart: «Folsom Prison Blues» — Johnny Cashs Gefängnisklage, interpretiert mit einer Ernsthaftigkeit, die zeigte, dass der Chor nicht nur humorvoll kann, sondern auch berühren. Der Zug kam, und man hörte ihn deutlich.
Der absolute Überraschungsmoment des Abends: Gangsta's Paradise — und mittendrin ein Rap von Karin, der den Saal zum Toben brachte. Was Coolio einst im Studio aufnahm, wurde hier live und mit einer Portion Chuzpe neu erfunden. Karin lieferte ab wie eine gestandene MC — Standing Ovations wären zu wenig gewesen, das Publikum wäre am liebsten aufgestanden und durch die Wand gegangen.
«Skandal im Sperrbezirk» wurde mit der nötigen Schmunzelgarantie zelebriert — die Stimmung kippte endgültig ins Fröhlich-Schelmische. «Der Mann ist das Problem» sorgte für jene wohltuende Spannung zwischen den Geschlechtern, die ein guter Chor zu moderieren weiss, ohne dass jemand verletzt nach Hause geht. Ausser vielleicht das Ego einiger Männer im Publikum — aber das heilt.
Und dann: «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett» — das heimliche Motto des Abends. Freddy Quinn hätte seine Freude gehabt. Das Publikum auch. Es ist eines jener Lieder, das man noch auf dem Heimweg vor sich hinsummt, ob man will oder nicht. Man will.
«Der Mörder ist immer der Gärtner» — gesungen mit jenem spöttischen Augenzwinkern, das nur Chöre hinbekommen, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen, aber ihre Musik sehr wohl. Der Gärtner war überführt, der Applaus ungeteilt.
«Bonnie and Clyde» — romantisch, verwegen, das perfekte Liebespaar für diesen Abend. Das Duett des Scheiterns, so schön wie möglich gesungen. Niemand im Publikum hätte diese beiden verraten.
«Jailhouse Rock» brachte den Saal endgültig auf die Beine. Elvis hätte genickt. Vielleicht sogar mitgewippt. Der Chor rockte das Gefängnis, als hätte er nie etwas anderes getan.
«Ba Ba Banküberfall» — das vielleicht charmanteste Verbrechen des Abends. Dreiköpfige Tätergruppe? Check. Dreistimmig? Check. Beute? Der gesamte Vorrat an Sympathie im Saal.
«Alles nur geklaut» war die ehrlichste Selbstauskunft des Abends — und einer der Momente, in dem sich Programm und Botschaft zu einem perfekten Schmunzler verdichteten. Geklaut, ja — aber mit Stil.
Den Abschluss bildete «Tauben vergiften im Park», Georg Kreislers böses kleines Meisterwerk. Dunkel, witzig, bitterböse. Wer bis dahin noch nicht restlos überzeugt war, von der Bandbreite dieses Chors, der war es jetzt. Die Tauben hatten keine Chance. Das Publikum auch nicht — gegen diesen Abend.
Urteil des Ermittlers
Das Quartierchörli Bösfeld-Kapf hat sich des schwungvollen Diebstahls schuldig gemacht — genau wie im Programmheft angekündigt. Gestohlen wurden: sämtliche Aufmerksamkeit, mehrere hundert Schmunzler, ein Dutzend breit grinsende Gesichter und nicht wenige Herzen. Die Beweise liegen vor. Der Chor ist überführt. Ein grosses Kompliment an Chorleiter Markus Wüthrich und den unwiderstehlichen Ole Wasner am Piano at his best.
Strafe: Wärmster Applaus, sofortige Wiederholung im nächsten Jahr, und die dringende Empfehlung an alle Unentschlossenen — beim nächsten Konzert des Quartierchörli Bösfeld-Kapf keinesfalls zu Hause bleiben. Das wäre nämlich das eigentliche Verbrechen.
Akte geschlossen. Mit einem Lächeln.
Dieser Bericht wurde in keiner Weise durch Bestechung beeinflusst. Ausser vielleicht durch «Gangsta's Paradise» mit Karin-Rap. Das war schlicht unwiderstehlich.